Der Elefantenpfleger Stefan Geretschläger schaut mit uns in dem insgesamt fünfteiligen Interview hinter die Kulissen und liefert und spannende Infos rund um die Dickhäuter und natürlich das neue Elefantenhaus im Heidelberger Zoo. Diese Woche: Bullenhaltung in Zoos.
Du hast vorhin schon einige Schwierigkeiten bei der Haltung angesprochen. Gibt es noch weitere speziell bei der Haltung von Jungbullen?
Die Erfahrung bei der Haltung von Jungbullen ist eigentlich ziemlich beschränkt. Man hat in Europa zwei Einrichtungen, die in dieser Hinsicht seit längerem Erfahrungen gesammelt haben, in Holland in Eindhoven und in Spanien in Sevilla. Die Problematik ist das Bullen im Erwachsenenalter Einzelgänger sind und sich dieses Einzelgänger-Dasein schon in der Jugend ausprägt. Im Vergleich zu den Weibchen, diese suchen eher den sozialen Kontakt und lernen schon mit drei, vier Jahren auf ihre anderen Geschwister aufzupassen. Sie beobachten ihre Mütter und wie sie mit den Jungtieren umgehen. Die Bullen interessiert das gar nicht, sie müssen kämpfen um stärker zu werden und sich durchsetzten. Ihr Hauptfokus ist es sich irgendwann fortzupflanzen und drauf spezialisiert sich quasi das ganze Leben eines Elefantenbullen. Die Herausforderung für uns in Heidelberg ist die Jungbullen sozial aufwachsen zu lassen, aber auch so, dass sie keinen Schaden daran nehmen. Denn wir sind ein Zoo, der Platz ist begrenzt und wenn es mal richtig kracht, ist natürlich auch die Ausweichmöglichkeit begrenzt.
Es gibt auch Aspekte, die bei der Konstruktion des neuen Elefantenhauses beachtet werden müssen, z.B. mit extra dicken stahlverstärkten Wänden, oder?
Genau, man muss damit rechnen, dass ein Elefantenbulle bis zu 7 Tonnen schwer werden kann, wenn er ausgewachsen ist. Darauf müssen auch die baulichen Gegebenheiten ausgerichtet sein, so dass ein Elefant nicht einfach durch die Wand rennen kann. Die Wände werden auch drei Meter hoch, denn Elefanten haben einen Rüssel von 2,50 Meter Länge. Die ganzen Sicherheitsmaßnahmen sind extrem hoch. Dazu kommt noch die hohe Intelligenz, denn Elefanten können Dinge erlernen, die sie sich z.B. abschauen. Wenn ich durch eine Tür gehe, schaut sich der Elefant zehnmal an, ob ich sie abgeschlossen oder gesichert habe und wenn ich es beim 11. Mal vergessen habe, versucht er irgendwie rauszukommen. Bei der Bullenhaltung ist es also das oberste Gebot, dass man extrem auf Sicherheit achtet.
Wir haben über das unterschiedliche Verhalten von Elefanten in freier Wildbahn und in Zoos gesprochen. Gibt es bestimmte Besonderheiten für die Pflege von Elefanten in Zoos?
Die Tradition ist ja wie angesprochen der direkte Kontakt, da waren auch elementare Dinge wichtig, wie die Körperpflege. Es war die Aufgabe des Pflegers, dass er die Elefanten mit Schlauch und Schrubber reinigt und sicherstellt, dass sie sauber sind. Man muss den Tieren jetzt, wenn man nicht mehr zu ihnen reingeht, trotzdem die Möglichkeit geben sich zu pflegen. Man weiß, dass das Elefanten auch tatsächlich lernen. Es gibt Elefanten, die über 50 sind und von Geburt an in Menschenhand gehalten wurden und sich nicht selbst pflegen können. Sie haben kein Bewusstsein dafür ab und zu mal ins Wasser zu gehen und sich mit Sand zu beschmeißen und zu schubbern. Das ist ein Defizit, die Tiere müssen sich das von Anfang an selbst beibringen.
Und was haben die Elefanten hier für Möglichkeiten?
Wir haben z.B. zwei Badebecken, eine Sandhalle, eine Sandbox und eine Außenanlage mit Sand. Die Tiere, die wir wahrscheinlich bekommen werden, sind auch noch relativ jung und kommen auch aus einer solchen Protected Contact Haltung. Sie haben sich die Pflege auch bei ihren Eltern und größeren Geschwistern abgeschaut und gelernt.
Steht schon fest, welche Jungbullen nach Heidelberg kommen?
Noch nicht 100%. Wir haben einige Kandidaten ausgewählt, die es werden könnten, aber es ist noch nichts definitiv abgeschlossen.
Kannst du kurz gegenüberstellen wie der Tagesablauf eines Elefantenpflegers und eines Elefanten aussieht?
Der Elefant im Zoo hat ja in der Regel ein recht relaxtes Leben. Er wird morgens von seinem Pfleger abgetränkt, abgefüttert und dann auf die Außenanlage gelassen. Ein Elefant frisst sehr gern und sehr viel, deshalb werden sie weiterhin mit Futter beschäftigt, während ich die Futterreste (und was hinten rauskommt) wegmache. Danach hat der Elefant wieder mit mir einen gemeinsame Zeit beim Training oder der Körperpflege, also waschen, Fußpflege oder andere medizinische Behandlungen. Dann hat der Elefant wieder Freizeit und ich richte für den Abend wieder Futter her oder mache z.B. wie jetzt Öffentlichkeitsarbeit für den Elefanten. Ich bin also acht Stunden beschäftigt, der Elefant im besten Fall auch, aber eher mit Fressen, Spielen, Baden und was er sonst noch gerne macht.
Wie viel Zeit habt ihr am Tag um mit den Elefanten zu trainieren?
Das Training ist ein Teil der Zeit, die ich mit dem Elefanten habe. Wenn man am Tag eine Stunde Zeit hat um mit dem Elefanten zu trainieren, ist das gut. Man muss auch darauf achten, dass man den Elefanten nicht überreizt. Wenn man 1 ½ Stunden intensiv mit ihm arbeitet – was auch extrem lang ist – dann ist der Elefant danach geistig erschöpft. Für ihn ist das auch eine Konzentrationssache um die ganzen Kommandos umzusetzen. Im Idealfall ist man zwei Stunden am Tag wirklich am Tier beschäftigt. Den Rest vom Tag, also 6 Stunden ist man um den Elefanten herum beschäftigt, also z.B. mit Futter richten, sauber machen, alles was eben dazugehört.
Welche Möglichkeiten bekommen die Elefanten denn im Elefantenhaus um sich selbst zu beschäftigen?
Enrichment ist im Heidelberger Zoo schon lange ein großes Thema. Das fängt z.B. an bei Futterbällen, die Elefanten müssen sich durch Schütteln des Balles, der ein Loch hat, ihr Futter erarbeiten. Dadurch dass ich nicht mehr zu den Elefanten reingehe, kann man davon ausgehen, dass die Elefanten sich untereinander viel beschäftigen. Gerade bei Jungbullen sind da die angesprochenen Kämpfchen. Da rennen sie schonmal eine Stunde über die Anlage und toben sich aus. Aber grade auch Jungtiere legen sich mal zwei Stunden auf der Außenanlage hin. Sie rennen nicht 24 Stunden am Tag über die Anlage, sie haben ihre Spielzeiten, ihre Ruhephasen und daraus ergibt sich dann der ganze Tagesablauf der Elefanten. Ich als Pfleger komme immer wieder dazu, mache Fußpflege oder irgendwelche kleinen Kunststücke. Das kann man auch im Protected Contact trainieren, dass der Elefant mir irgendwelche Sachen aufhebt, und wieder abgibt. Diese Sachen versucht man immer wieder zwischenrein zu bauen. Die Erfahrungen mit der Bullenhaltung sind noch extrem gering, das ist momentan unsere Hauptproblematik. Wir müssen jetzt damit anfangen um dann später die Erfahrung auszuwerten.
Der Heidelberger Zoo hat also eine richtige Vorreiterrolle. Seid ihr dann quasi wirklich mit Dokumentation und wissenschaftlicher Arbeit beschäftigt?
Genau, die Tierpfleger im Speziellen sind vor Ort um Informationen an die wissenschaftlichen Mitarbeiter im Zoo weiterzugeben und die fassen das dann in Textform. Es kann aber natürlich auch sein, dass Dr. Wünnemann (Direktor des Tiergarten Heidelberg) zu uns kommt mit einer Gruppe von Biologie-Studenten und wir machen dann zusammen Enrichment für die Elefanten und die Studenten werten das aus. Der Tierpfleger ist dann im Prinzip der erste Ansprechpartner für Wissenschaftler, Studenten und so weiter, die sich wissenschaftlich mit den Elefanten beschäftigen wollen.